22.03.2021

Zur letzten Ruhe im Seitenschiff

Ausgrabung in der Abdinghofkirche bringt Gräber von Geistlichen ans Licht

 

Vom 11.08.2020 bis 02.10.2020 führte die Paderborner Stadtarchäologie in der evangelischen Abdinghofkirche eine archäologische Sondierung im Südschiff der Kirche durch. Der Anlass: eine neue Heizungsanlage sollte durch die Seitenschiffe installiert werden. So ergab sich die Gelegenheit, die in der Nachkriegszeit schon archäologisch untersuchte Kirche mit heutigen Methoden erneut zu erforschen.

Die Abdinghofkirche in der Paderborner Innenstadt hat eine über tausend Jahre währende und wechselhafte Geschichte. Die romanische Basilika war einst Teil des noch weitaus größeren Areals des Benediktinerklosters Abdinghof und diente als Hauptkirche der Abtei. 1015 hatte sich der damalige Paderborner Bischof Meinwerk dazu entschlossen, in Paderborn einen Ordenskonvent anzusiedeln, welcher eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Bistums spielen sollte. Zwischen Dombezirk und Paderquellgebiet stiftete er dazu das Kloster, das später den Namen Abdinghof bekommen sollte. Der Name (Abbedinckhof – [des] Abtes Hof) leitet sich von einem dazugehörigen Wirtschaftshof des Klosteroberhauptes ab. Als der Bischof 1036 starb, diente die Kirche als Meinwerks Grabeskirche. 1803 endete die Geschichte des Klosters Abdinghof - wie auch die weltliche Herrschaft der Paderborner Bischöfe im Hochstift - mit der Säkularisation. Die Preußen hatten für das ehemalige Kloster zunächst nur profane Verwendung: Die Klostergebäude wurden zur Kaserne umfunktioniert, die einstige Abteikirche zum Zeughaus. 1866 vertraute man die Abdinghofkirche schließlich der Evangelischen Kirchengemeinde Paderborn an, welcher sie bis heute als Heimat dient. Nach ziemlicher Vernachlässigung im 19. Jahrhundert und weitgehender Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, musste die Kirche umfangreich instandgesetzt werden. Doch auch heute sind immer wieder Renovierungen und Restaurierungen vonnöten1.

Die Erforschung des Kirchenbaus war bereits Mitte des 20. Jahrhunderts Anlass für Ausgrabungen, die auch im Innern stattfanden.

Insbesondere sind die frühen Grabungen von 1949 bis 1957, durchgeführt von Bernhard Ortmann, zu erwähnen. Es folgten Maßnahmen in den Jahren 2005, 2006 und 2008 auf der Straße und dem westlichen Vorplatz. 2014 fand eine archäologische Untersuchung in der Krypta statt, ebenfalls begründet durch Arbeiten an der Heizungsanlage.

2016, zur 1000-Jahrfeier, widmete das LWL-Museum in der Kaiserpfalz in Paderborn dem Abdinghofkloster die Ausstellung „1000 Jahre Abdinghof. Gebaut, geschrieben und gemalt“.

 

Die Sondierung im letzten Jahr fand in einem Bereich statt, in dem Bernhard Ortmann seinerzeit nicht gegraben hatte. Der Sondageschnitt wurde am zweiten Pfeiler des Südschiffes vorgenommen.

Der Schnitt besaß in etwa die Maße 2,80 m x 2,80 m und insgesamt eine Tiefe von 1,50 m. So wurden sechs Plana angelegt. Die ersten menschlichen Überreste kamen unmittelbar unter einer mehrere Zentimeter dicken Betonplatte zum Vorschein, die mit einem Schlagbohrhammer entfernt werden musste.


Abb. 1, Von diesem Geistlichen hat sich nur die Schädeldecke erhalten. (Foto: LWL/S. Menne)

In 70 cm Tiefe tauchte plötzlich in der Nähe zum Westprofil eine Schädeldecke (Befund 001, Abb. 1) auf. Zunächst vermuteten wir ein vollständiges Skelett, das sich noch in ursprünglicher Lage befand. Doch es blieb bei der Schädeldecke, mehr war nicht erhalten. Nur einige Sargnägel befanden sich unmittelbar in seiner Nähe.

Beim Freilegen wurden zwei weitere Schädel entdeckt, die besser erhalten waren. Unter- und Oberkiefer waren noch vorhanden, sowie Ansätze einer Wirbelsäule, ein Brustbein und Rippen. Beide Schädel wirkten so, als seien sie gemeinsam bestattet worden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass zwei Holz-Särge übereinanderlagen; als das Holz des oberen Sarges verrottet war, fiel der Leichnam in das untere Grab. Auffällig war, dass beide Köpfe auf einer Schicht aus gelöschtem Kalk lagen. Kalk wurde bei Bestattungen oft benutzt, um mögliche Keime abzutöten, die Krankheit und Tod verursacht hatten.

Beide Gräber waren gewestet.

Abb. 2, Die Verstorbenen wurden auf einer Matte aus gelöschtem Kalk bestattet, womöglich um Keime abzutöten. (Foto: LWL/S. Menne)
Abb. 3, Kalkschicht ohne menschliche Überreste. (Foto: LWL/S. Menne)

Christliche Verstorbene wurden jahrhundertelang geostet bestattet, d. h. der Kopf lag im Westen, der Blick ging nach Osten in Richtung Jerusalem gerichtet. Die veränderte gewestete Ausrichtung beruht auf den Empfehlungen des 1614 veröffentlichten Rituale Romanum: Neben Bekleidung und Ausstattung wurde die Ausrichtung sowohl bei der Aufbahrung als auch bei der Bestattung verstorbener Geistlicher vorgeschrieben. Die Geistlichen sollen gewestet bestattet werden, damit ihre Gesichter vom Hochaltar abwärts auf das Volk hin ausgerichtet sind, als ob sie vom Altar zu ihren Gemeinden blicken. Das Rituale Romanum verbreitete sich zunächst in süddeutschen Bistümern und wurde erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts in ihre Ritensammlung übernommen. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass auch in Norddeutschland dieser Ritus schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts umgesetzt wurde.2 Da das Abdinghofkloster 1803 im Zuge der Säkularisation („Verweltlichung“) aufgelöst wurde, müssen die Gräber zwischen 1614 bis 1803 entstanden sein.3 Genaueres wird eine Knochenprobe zeigen, die dem Skelett 008 (Abb. 4) aus dem linken Oberschenkel entnommen wurde. Anhand dieser Knochenprobe und weiteren Zähnen wird mittels einer C14-Anlayse der Zeitraum der Bestattungen bestimmt. Das Untersuchungsergebnis steht noch aus.

 

Eine weitere Bestattung (Befund 008) kam im fünften Planum zutage. Die Gebeine befanden sich in situ in gestreckter Rückenlage, die Hände lagen im Schoß. Leider verläuft die östliche Schnittgrenze oberhalb des Brustbeins.

 
Abb. 4, Skelett bis zum Brustbein sichtbar, mit Händen im Schoß. (Foto:LWL/S. Menne)

Nach dem Ende der Sondierung durch die Paderborner Stadtarchäologie setzte

Pfarrer Düker die menschlichen Überreiste in einer Bestattungszeremonie wieder bei

Abb. 5, Am 05.10.2020 fand die Wiederbestattung der menschlichen Überreste in der Abdinghofkirche statt. (Foto: LWL/F. Jäker)

Finn Jäker

Stefanie Menne

 

1Kroker/Linde/Neuwöhner 2016, 11-51.

2Schneider/Holze-Thier/Thier 2011, 297.

3Kroker/Linde/Neuwöhner, 42.

 

Literatur

Kroker/Linde/Neuwöhner 2016

Martin Kroker/Roland Linde/Andreas Neuwöhner, 1000 Jahre Abdinghof. Von der Benediktinerabtei zur evangelischen Kirche Paderborns (Paderborn 2016).

Schneider/Holze-Thier/Thier 2011

Manfred Schneider/Claudia Holze-Thier/Bernd Thier, Die Ausgrabungen auf dem Domherrenfriedhof von 1987 bis 1989. Die Stiftskirche „Alter Dom“ und die Bestattungen im Dombereich (Mainz 2011).

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