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Ein Schichtprofil der Grabung auf dem Domplatz vom ersten Laufhorizont bis zum Pflaster des 12. Jahrhunderts wird sorgfältig dokumentiert. Foto: LWL/Spiong.

Das Rätsel unter dem Hellweg – Archäologie auf dem Domplatz

Der Stadtarchäologe Dr. Sven Spiong berichtet von der aktuellen Grabung auf dem Domplatz.

Blick in die Baugrube nördlich der Gaukirche mit Friedhofsmauer links und Hellwegpflaster, darunter ein mächtiges Fundament. Foto: LWL/Spiong.

Der Paderborner Dom- und Marktplatz soll neu gestaltet werden. Dies löst eine Vielzahl von Vorarbeiten aus – auch für die Paderborner Stadtarchäologie.

Aktuell sind es zwei Schächte des Mischwasserkanals, die ausgetauscht werden sollen. Die tiefgründigen Bodeneingriffe betreffen auch historische Schichten der Burg Karls des Großen beziehungsweise der späteren Domburg der Paderborner Bischöfe. Seit dem 5. März 2015 begleiten wir deshalb die Baggerarbeiten bei zwei etwa 4 m mal 4 m großen Baugruben. Sie werden bis zum anstehenden Boden in einem Niveau von etwa 2 Metern untersucht. Da die obersten Schichten bis in einer Tiefe von 1,05 m bis 1,30 m durch jüngere Bodeneingriffe gestört waren, begann unsere Arbeit erst dort. Nachdem der Bagger abgerückt war, begann ein Team aus Studierenden der Universitäten in Münster, Bochum und Mainz seine Arbeit. Dabei stießen sie in dieser Tiefe zunächst in der Ausgrabung nördlich der Gaukirche auf ein Pflaster, das wir als ältesten Straßenbelag des um 1150/80 gepflasterten Hellweges identifizieren konnten.

Die Fahrrinne in den Hellweg, Blick nach Osten. Foto: LWL/Spiong.

Eine Fahrrinne zieht von Westen nach Osten über den gesamten freigelegten Straßenbelag. Der Hellweg verlief zwischen dem Domkirchhof, der im Norden angrenzt und durch eine gut erhaltene Kirchhofmauer abgegrenzt war und der um 1170/80 errichteten Gaukirche im Süden. Die 75 bis 80 cm dicke Friedhofsmauer ist noch bis zu 75 cm hoch erhalten.

Das Hellwegpflaster und die Mauern werden gezeichnet. Foto: LWL/Spiong.

Die Mauer und das Pflaster wurden eingemessen und es wurden Fotos und maßstabgerechte Zeichnungen angefertigt, denn ein Teil der im Boden erhaltenen Befunde wird für den Schachtbau abgetragen.

Mauer mit zugesetztem Durchgang vom Hellweg in den Friedhof. Foto: LWL/Spiong.

Beim genaueren Hinsehen entdeckten wir in der Friedhofsmauer einen ursprünglich 1,14 m breiten Durchgang vom Hellweg in den Kirchhof. Dieser wurde im Laufe der Zeit aber wieder zugesetzt und fein vermörtelt. Das älteste Hellwegpflaster zieht bereits gegen die Friedhofsmauer, wobei die Mauerunterkante direkt auf der Höhe der Unterkante des Pflasters liegt und damit Mauer und Pflaster in einem Arbeitsgang zwischen 1150 und 1180  errichtet wurden. An manchen Stellen befand sich darüber noch ein etwas jüngeres Pflaster, das allerdings bis ins 16./17. Jahrhundert noch belaufen wurde, wie grün glasierte gelbe Irdenware (u.a. ein Grapenfuß) zeigt, die in das Pflaster eingetreten war

Unter dem Pflaster liegt ein mächtiges Mauerfundament. . Foto: LWL/Spiong.

Als wir das untere Pflaster sorgfältig freiputzten fiel, uns ein darunter liegendes massives Mauerfundament auf. Diese ost-westverlaufende gemörtelte Mauer mit einer Fundamentstärke von 1,60 m wurde abgebrochen, unmittelbar bevor der Hellweg, die Kirchhofsmauer und die bauhistorisch 1170/80 datierte Gaukirche errichtet wurde. Das älteste Hellwegpflaster liegt zum Teil direkt auf der abgebrochenen Fundamentoberkante auf. Zum Glück fanden wir im Pflaster Scherben: Bemalte Importkeramik des 12. Jahrhunderts aus Pingsdorf bei Bonn unterstützt die Datierung, die durch die Stratigraphie (Befundabfolge) gesichert ist. Der Bauhorizont der südlich angrenzenden Gaukirche liegt in einer Höhe mit dem Fundament. Ob das Gebäude, das vor Errichtung der heute noch stehenden Gaukirche abgebrochen wurde, auch in funktionaler Hinsicht einen Vorgängerbau darstellt, muss offenbleiben, da das Fundament nur auf einer Länge von 5,50 m freigelegt werden konnte. Ein 1,60 m breiter Unterbau ist allerdings sehr ungewöhnlich und stammt von einem besonderen Gebäude: wahrscheinlich entweder ein sehr repräsentatives Profangebäude, möglicherweise ein Teil der Palastarchitektur oder tatsächlich ein Vorgängerbau der Gaukirche.

Unter dem in einem kleinen Teil abgetragenen Fundament wird das darunter liegende Pflaster gezeichnet. Foto: LWL/Spiong.

Vor der Errichtung dieses massiven Steingebäudes wurde das Gelände flächig mit einer 14 bis 24 cm dicken Packlage aus Kalkbruchsteinen aufplaniert. Als wir die Oberkante der Packlage freilegten, stellte sich schnell heraus, dass sie aus gerundeten Kalksteinen gesetzt wurde und eine ältere befestigte Platzoberfläche darstellt. Da wir inzwischen auch am Ostrand der Domburg eine befestigte Platzoberfläche nachweisen konnten, ist zu vermuten, dass auch diese Pflasterung zu den Baumaßnahmen des frühen 11. Jahrhunderts zu rechnen ist. Datierbare Funde haben wir aus dieser Schicht nördlich der Gaukriche bisher allerdings noch keine. Unter der Packlage befinden sich weitere Schichten, die es in den nächsten Wochen zu erforschen gilt. Eine schwarzbraune Kulturschicht konnten wir bereits im Profil des Kanalgrabens erfassen. Hier wird es noch spannend.

Im östlichen Schnitt liegt zwischen zwei Kulturschichten des 11. Jahrhunderts eine ebene Steinlage als Platzbefestigung. Foto: LWL/Spiong.

Am Ostrand des Domplatzes untersuchten wir einen weiteren Kanalschacht. Dort ergab sich eine völlig andere Situation: Unter einer sterilen 50 cm dicken Aufschüttung aus Kalbruchsteinen und Lehm lagen zwei Laufhorizonte des 11. Jahrhunderts übereinander, die durch eine horizontale Steinlage – eine Platzbefestigung - getrennt waren.

Der beschriftete Sandstein bei der Auffindung in der unteren Kulturschicht. Foto: LWL/Spiong.

Beim Freilegen der unteren Kulturschicht wartete eine Überraschung auf uns: Dort konnten wir das Bruchstück einer Altarplatte oder eines Epitaphs aus Sollingsandstein mit folgender Inschrift bergen: ­„+ NV…“ und in der zweiten Zeile: „T…“.

Sandstein nach der Reinigung: Fragment eines Epitaphs (Totengedenktafel) oder einer Altarplatte. Foto: LWL/Spiong.

Das Fundstück war ursprünglich in einem Altar oder in einer Wand im Dom oder Domkloster eingebunden und stammt aus karolingischer oder ottonisch-salischer Zeit (spätes 8. bis frühes 11. Jahrhundert).

Frühmittelalterliche Gruben unter den Schichten des 11. Jahrhunderts. Foto: LWL/Spiong.

Der untere Laufhorizont oder die Kulturschicht des 11. Jahrhunderts liegt direkt auf einem anstehenden Fels auf, was bedeutet, dass im 11. Jahrhundert die ursprünglich vorhandende Lösslehmschicht und der darüber liegende Humus flächig abgetragen wurde. Die Abplanierungen stehen sicher in Zusammenhang mit der neuen Befestigung der Domburg und den umfangreichen Baumaßnahmen unter Bischof Meinwerk (1009-1036). Sie zeigen wie tiefgreifend die baulichen Veränderungen in der Bischofsburg damals waren.

Unter der Schicht des 11. Jahrhunderts zeigen Gruben und ein Pfostenloch ältere Siedlungsaktivitäten an. Die interessanteste Grube ist eine frühmittelalterliche Abfallgrube eines Metallschmelzers. Hier fanden wir typische Tiegelscherben, Schlacke, Buntmetallfragmente, gebrannten Lehm und Holzkohle. Für die großen Bauprojekte dieser Zeit war damals sicher eine Vielzahl an Handwerkern in der Burg tätig.

 

Sven Spiong, Stadtarchäologe